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Ein Leben in Briefen

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Ein Roman, der komplett durch Briefe erzählt wird? Ja, ungewöhnlich, aber mir hat das gefallen. Worum geht’s?  In die „Die Briefeschreiberin“ von Virginia Evans begegnen wir Sybil van Antwerp - 73 Jahre, Juristin, Mutter, Gärtnerin. Und durch das Lesen ihrer täglichen Briefe fühlt es sich an, als würden wir ihr direkt beim Leben zuschauen. Sie ist witzig, direkt, manchmal etwas ruppig, aber immer charmant und total lebendig. Was mir besonders gefallen hat: Sybil ist nicht eindimensional. Man lernt Stück für Stück alle Facetten ihres Lebens kennen, ihre Gedanken, ihre Erinnerungen und auch ihre kleinen Macken. Dabei schafft es das Buch, einen sowohl schmunzeln als auch nachdenken zu lassen. Die Briefe geben dem Ganzen noch einen richtig persönlichen Ton. Man spürt, wie viel Herz und Witz in jedem geschriebenen Wort steckt. Das kleine Personenverzeichnis am Ende war das Sahnehäubchen - ein cleverer Abschluss, der alles noch einmal abrundet. Kurz gesagt: Ein Roman, der leicht zu lesen...

Geschichten voller Klarheit und Melancholie

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Eine neue Lektüre von Ferdinand von Schirach - darauf freue ich mich immer sehr. Ich mag seine Erzählungen, Essays und Gedanken.  In 14 Kapiteln begegnen uns diesmal wieder unabhängig voneinander die unterschiedlichsten Menschen. Teilweise sind es bekannte Persönlichkeiten. Wir reisen nach Rom, Berlin, Wien. Es geht an die Côte d´Azur und bis nach Kapstadt.  Schirach schreibt wie immer direkt, ungeschönt und eindringlich, aber gleichzeitig wie gewohnt mit einer Eleganz - und immer schwingt ein Hauch Melancholie mit. Einfach bewundernswert.  Entstanden ist erneut ein brillanter, stilvoller Erzählband. Ferdinand von Schirach auf höchstem Niveau. Unbedingt lesen! Und wer das alles gerne auf der Bühne sehen möchte: Ab Herbst tourt der Schriftsteller mit »Der stille Freund«, durch Deutschland, Österreich und die Schweiz.  Das Buch ist 2025 im Luchterhand Verlag der Penguin Random House Verlagsgruppe erschienen.  www.penguin.de/ferdinand-von-schirach/der-stille-freund...

Zwischen Gefühl und Gebäck

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„Kann man sich mit Mitte vierzig noch mal so richtig verlieben - und wenn ja, in wen bitte schön?“ Sam ist 43 und Grundschullehrerin in Hamburg. Ihr Leben ist stabil, aber eintönig – in ihrem Beruf fehlt die Erfüllung, in der Liebe die Leichtigkeit. Ihre 6-jährige Tochter sowie Freundinnen geben ihr Halt, doch innerlich spürt Sam, dass etwas fehlt. Beim Klassentreffen in Lüneburg begegnet sie Max, ihrem Jugendschwarm, wieder. Alte Gefühle flammen auf. Und gleichzeitig sorgt der junge, ambitionierte Direktor Finn für Wirbel an ihrer Schule – und in ihrem Leben. Was Sam wirklich begeistert, ist das Macaron-Backen. In der Küche findet sie Freude und ein Stück Selbstbestimmung. Es wird immer deutlicher: Vielleicht ist es an der Zeit, den sicheren, aber frustrierenden Job hinter sich zu lassen. Der Roman springt in einzelnen Kapiteln immer wieder zurück in die Vergangenheit. Rückblenden in Sams Jugend zeigen Unsicherheiten, Sehnsüchte und prägende Erfahrungen – sie bilden einen starken Kont...

Ein starkes Debüt

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Julia Engelmann kann nicht nur Poetry Slam – jetzt erzählt sie zum ersten Mal eine Geschichte. Und die geht ganz leise, aber tief unter die Haut. Charlie ist zwischen Kindsein und Erwachsenwerden gefangen. Ihr Vater ist weg, ihre Mutter hat einen neuen Partner, und in der Schule läuft längst nicht alles rund. Selbst ihre beste Freundin distanziert sich, und dann verliebt sich ausgerechnet diese in den Jungen, den Charlie mag. Der Sommer fühlt sich schwer an, bis Kornelius – genannt Pommes – in ihre Klasse kommt. Mit ihm kann Charlie wieder offen reden und spürt, dass sie nicht allein ist.⠀ Der Roman ist schmerzlich schön – ehrlich und mit viel Herz erzählt, ohne zu dramatisch zu werden. Zwischen traurigen Momenten gibt es immer wieder auch humorvolle und lebensnahe Szenen, die das Ganze mit einer angenehmen Leichtigkeit tragen. Man möchte Charlie einfach in den Arm nehmen und ihr zeigen, dass alles gut wird. Es ist eine Geschichte über Selbstzweifel, Freundschaft und den Mut, sich auf ...

Zwischen Idyll und Abgrund

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Wie gut kennst du die Menschen um dich herum wirklich? Kristina Hauff nimmt uns in „Schattengrünes Tal“ mit in ein abgelegenes Dorf im Schwarzwald – ein Ort, an dem jeder jeden kennt. Oder zu kennen glaubt. Worum geht’s konkret? Lisa lebt mit ihrer Familie im Schwarzwald und arbeitet im Hotel ihres Vaters. Als eine fremde Frau zu Gast dort ist, verändert sich die Stimmung – im Dorf und in Lisas Umfeld. Was als Neuanfang wirkt, bringt alte Spannungen ans Licht und stellt vieles infrage. „Schattengrünes Tal“ ist spannend und mitreißend erzählt – von der ersten Seite an gelingt es Kristina Hauff, eine dichte Atmosphäre aufzubauen, die einen regelrecht in die Geschichte hineinzieht. Die Figuren sind sehr plastisch gezeichnet, sodass man sie sich mühelos vorstellen kann – mit all ihren Ecken und Kanten. Besonders bleibt mir Daniela im Gedächtnis, wenn auch im negativen Sinn: Ihre Art ist extrem unangenehm, fast beängstigend.  Der Roman lebt stark von der Dynamik zwischen den Charakteren...

Zwischen Stille und Sturm

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Ann, Anfang 70, schweigsam, kantig, lebt allein mit einem Hummer als Haustier. Julie, Mitte 50, laut, direkt, körperlich gezeichnet, innerlich nicht weniger verletzt. Mina, Ende 20, still, wach, auf der Suche nach einem Platz, der sich wie ihrer anfühlt. Drei Frauen, drei Leben, ein Ort an der rauen Küste von Maine in den USA. Sie treffen aufeinander in einem Moment der Umbrüche. Was entsteht, ist keine große Freundschaft, kein Lebenswandel mit Knalleffekt. Aber etwas Echtes. Etwas, das bleibt. Beatrix Gerstberger erzählt zurückhaltend, mit großer Nähe zu ihren Figuren und einem tiefen Gespür für das, was Menschen mit sich herumtragen, ohne es auszusprechen. Die Sätze sind klar, ohne Schnörkel. Vieles bleibt zwischen den Zeilen – genau dort wirkt es nach. Ich mochte die drei Protagonistinnen, aber es hat ein wenig gedauert, bis ich mit ihnen warm wurde. Ich mochte die Sprache, das Tempo, die Landschaft in dem Roman.  Aber ich habe auch gemerkt: Manches zieht sich. Einige Passagen v...

Wie weit geht man aus Liebe?

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Noah ist ein junger Künstler, der sich gerade so über Wasser hält. Seine Freundin Camilla – ehrgeizig und voller Zukunftspläne – trennt sich von ihm, nicht aus Mangel an Gefühlen, sondern weil sie sich nach einem verlässlichen, finanziell stabilen Leben sehnt. Für Noah gerät alles aus dem Gleichgewicht. Um sie zurückzugewinnen, ist er zu allem bereit. Als ihm eine wohlhabende ältere Dame ein zweifelhaftes Angebot macht, nimmt er es an – nicht ahnend, dass er sich damit in ein gefährliches Spiel aus Abhängigkeit, Moral und Selbstverlust verstrickt. Wie immer schreibt Martin Suter mit Eleganz und feinem Gespür für Zwischentöne. Seine Figuren sind lebendig, glaubwürdig und mit psychologischer Tiefe gezeichnet. Ein fein gesponnener Roman über emotionale Abgründe, stille Manipulation und die Frage, wie weit man für die Liebe – oder die Angst, sie zu verlieren – zu gehen bereit ist.  Auch wenn „Wut und Liebe“ nicht die Wucht und Extravaganz früherer Romane besitzt, ist es doch ein unverk...