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Ein absolutes Highlight

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„Restsommer“ von Kea von Garnier ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die mich total beeindruckt und nach dem Lesen noch lange beschäftigt hat. Im Mittelpunkt steht der 16-jährige Dominik, genannt Nick, der ganz selbstverständlich davon ausgeht, irgendwann das Bestattungsinstitut seines Vaters zu übernehmen. Er hat diesen Weg nie hinterfragt, bis er Biff kennenlernt. Biff, der eigentlich Benjamin heißt, kommt neu in Nicks Klasse und nach und nach erfahren wir, dass er große familiäre Probleme hat. Zwischen den beiden Jungs entwickelt sich eine enge Freundschaft, aus der bald mehr wird. Nick kann mit seinen Gefühlen nur schwer umgehen. Sie sind für ihn verwirrend und schwer einzuordnen.  Was mich an dem Buch besonders bewegt hat, ist die Art, wie die Emotionen dargestellt werden. So echt und so stimmig. Eine melancholische Stimmung zieht sich durch die ganze Geschichte.  Beim Lesen hatte ich immer wieder das Gefühl, die beiden Jungs beschützen zu wollen. Ich wollte ihnen sagen, d...

Auf der Suche nach Gerechtigkeit

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„Wie können wir friedlich miteinander leben?“ Alexander, ein Junge aus Kaliste, wird von den Bewohnern der Stadt ausgewählt, sich auf eine Reise zu begeben, um eine Antwort auf diese Frage zu finden. Dabei trifft er auf verschiedene Menschen, unter anderem einen Modeschöpfer, einen Philosophen und ein Orakel. Sie und noch viele weitere befragt er nach gerechten Gesetzen. Diese Gespräche bereichern nicht nur Alexander auch. Auch wir werden beim Lesen zum Nachdenken angeregt. Ferdinand von Schirach hat mit „Alexander“ sein erstes Kinderbuch geschrieben. Entstanden ist eine kurzweilige Geschichte, die zum Nachdenken anregt. Sie wirkt ruhig und klar, behandelt aber große Themen wie Gerechtigkeit und Zusammenleben - Themen, die uns alle angehen. So ist diese Lektüre nicht nur für Kinder lesenswert, sondern auch für uns Erwachsene eine bereichernde Erzählung. Ein sehr schönes Buch, das die Prinzipien der Demokratie behandelt und durch Zeichnungen des Autors perfekt abgerundet wird.  Abso...

Vom Festhalten und Loslassen

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  Lisa Ridzén erzählt in diesem Roman von einem Lebensabschnitt, in dem vieles fragil geworden ist. Im Fokus stehen Themen wie Selbstbestimmung, Nähe und Verlust, aber auch die Angst vor dem Altwerden, vor Krankheit und dem schleichenden Abschied vom Leben. Hauptfigur ist der hochbetagte Bo, der seinen Alltag allein bewältigt, während seine Frau wegen ihrer Demenz nicht mehr bei ihm leben kann. Unterstützung erhält er vor allem durch den Pflegedienst. Der Kontakt zu seinem Sohn bleibt distanziert und von Sorge geprägt. Halt gibt Bo vor allem sein Hund, der für ihn weit mehr ist als nur ein Haustier. Als diese Beziehung infrage gestellt wird, gerät Bos ohnehin brüchige Welt ins Wanken. Aus dieser Situation heraus öffnet sich der Blick zurück. Gedanken und Erinnerungen führen durch verschiedene Stationen seines Lebens und zeigen, wie sehr vergangene Entscheidungen, Beziehungen und Verluste bis in die Gegenwart nachwirken. Die Erzählweise ist ruhig und fragmentarisch, fast wie einzeln...

Wenn das Leben plötzlich still steht

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  Frank Wawerzinek erzählt in seinem Buch sehr offen und ehrlich aus seinem Leben. Seine Sprache ist direkt, manchmal rau, aber immer eindringlich. Das Buch ist wie ein langer Brief geschrieben an eine geliebte Person, die für ihn sehr wichtig ist. Dadurch wirkt der Text sehr persönlich und nah. Der Autor berichtet von seiner Zeit als Stipendiat in der Villa Massimo in Rom. Am Anfang fühlt er sich dort unwohl, findet keinen Zugang zu der Stadt und auch das Schreiben fällt ihm schwer. Erst als die Corona-Pandemie beginnt und alles stillsteht, kommt seine Kreativität langsam zurück. Doch dann trifft ihn eine schwere Nachricht: Er hat Krebs. Diese Diagnose verändert alles. Trotz der Krankheit gibt Wawerzinek nicht auf. Er zieht sich zurück, denkt viel über sein Leben, seine Arbeit und die Liebe nach. Das Buch handelt davon, wie man mit Angst und Endlichkeit umgeht und trotzdem nicht den Mut verliert. „Rom sehen und nicht sterben“ ist ein ruhiges, ehrliches Buch über das Leben, die Kra...

Nah dran am Leben

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Nava Ebrahimis “Und Federn überall“  spielt in einer Kleinstadt im Emsland, deren wichtigster Arbeitgeber ein Geflügelschlachthof ist. Was zunächst nüchtern klingt, entwickelt sich zu einem dichten, fesselnden Panorama. Im Mittelpunkt stehen sechs sehr unterschiedliche Figuren: eine iranische Schriftstellerin, ein halbblinder Dichter aus Afghanistan, eine Altenpflegerin aus Polen, eine Ingenieurin aus Siebenbürgen, ein Prozessoptimierer und eine alleinerziehende Mutter, die am Fließband arbeitet. Kapitelweise wechseln die Perspektiven, sodass man die Ereignisse aus verschiedenen Blickwinkeln erlebt. Der Roman beleuchtet Migration, Arbeitsbedingungen, Kapitalismus, Tierschutz und persönliche Krisen, ohne je belehrend zu wirken. Jede Figur ist einfühlsam gezeichnet und wirkt nahbar. „Und Federn überall“  ist ernst und berührend, gleichzeitig komisch, manchmal satirisch und voller gesellschaftlicher Relevanz. Ein kluger, origineller Roman, der nachhallt und den ich sehr empfehlen...

Ein Leben in Briefen

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Ein Roman, der komplett durch Briefe erzählt wird? Ja, ungewöhnlich, aber mir hat das gefallen. Worum geht’s?  In die „Die Briefeschreiberin“ von Virginia Evans begegnen wir Sybil van Antwerp - 73 Jahre, Juristin, Mutter, Gärtnerin. Und durch das Lesen ihrer täglichen Briefe fühlt es sich an, als würden wir ihr direkt beim Leben zuschauen. Sie ist witzig, direkt, manchmal etwas ruppig, aber immer charmant und total lebendig. Was mir besonders gefallen hat: Sybil ist nicht eindimensional. Man lernt Stück für Stück alle Facetten ihres Lebens kennen, ihre Gedanken, ihre Erinnerungen und auch ihre kleinen Macken. Dabei schafft es das Buch, einen sowohl schmunzeln als auch nachdenken zu lassen. Die Briefe geben dem Ganzen noch einen richtig persönlichen Ton. Man spürt, wie viel Herz und Witz in jedem geschriebenen Wort steckt. Das kleine Personenverzeichnis am Ende war das Sahnehäubchen - ein cleverer Abschluss, der alles noch einmal abrundet. Kurz gesagt: Ein Roman, der leicht zu lesen...

Geschichten voller Klarheit und Melancholie

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Eine neue Lektüre von Ferdinand von Schirach - darauf freue ich mich immer sehr. Ich mag seine Erzählungen, Essays und Gedanken.  In 14 Kapiteln begegnen uns diesmal wieder unabhängig voneinander die unterschiedlichsten Menschen. Teilweise sind es bekannte Persönlichkeiten. Wir reisen nach Rom, Berlin, Wien. Es geht an die Côte d´Azur und bis nach Kapstadt.  Schirach schreibt wie immer direkt, ungeschönt und eindringlich, aber gleichzeitig wie gewohnt mit einer Eleganz - und immer schwingt ein Hauch Melancholie mit. Einfach bewundernswert.  Entstanden ist erneut ein brillanter, stilvoller Erzählband. Ferdinand von Schirach auf höchstem Niveau. Unbedingt lesen! Und wer das alles gerne auf der Bühne sehen möchte: Ab Herbst tourt der Schriftsteller mit »Der stille Freund«, durch Deutschland, Österreich und die Schweiz.  Das Buch ist 2025 im Luchterhand Verlag der Penguin Random House Verlagsgruppe erschienen.  www.penguin.de/ferdinand-von-schirach/der-stille-freund...