Posts

Leise und doch so ausdrucksstark

Bild
"Ein Roman wie ein roter Burgunder, der auf den ersten Schluck ganz unkompliziert ist, aber dann einen unglaublich langen Nachhall am Gaumen hinterlässt." So beschreibt Denis Scheck das neue Buch von Judith Hermann. Sehr treffend, wie ich finde.  Eine junge Frau arbeitet in einer Zigarettenfabrik. Sie bekommt ein Angebot von einem Magier, mit ihm auf Kreuzfahrt Richtung Asien zu gehen und mit ihm zu arbeiten - als "zersägte Jungfrau". Zeitsprung: 30 Jahre später ist diese Frau geschieden - hat eine erwachsene Tochter, die immer irgendwo in der Welt unterwegs ist - und zieht zu ihrem Bruder ans Meer. Sie arbeitet dort in dessen Kneipe und möchte ein neues Leben beginnen. Das alles klingt nach wenig Inhalt, unspektakulär, noch dazu, wo das Buch keine 200 Seiten hat. Und doch ist es eine Lektüre voller Kraft und Tiefgang, gleichzeitig leise und melancholisch. Die Protagonistin ist eine Frau Ende 40. Sie erzählt uns von ihrer Beziehung zu ihrem Ex-Mann, zu ihrer

Über die Freundschaft zweier Frauen

Bild
  Kat und Easy sind 1973 Teenager. Sie teilen ihre Ängste und Sorgen miteinander, ebenso ihre Wünsche und Träume. Als sich die beiden 16-jährigen Mädchen in denselben jungen Mann verlieben, ist das nicht unbedingt förderlich für ihre Freundschaft. Schließlich geschieht ein schrecklicher Unfall. Und dann reißt der Kontakt zwischen den Jugendlichen abrupt ab. In der Gegenwart sind beide Frauen über 60 und haben nach wie vor keinen Kontakt mehr zueinander, bis Easy im Internet auf Kat stößt und diese schließlich in ihr Ferienhaus nach Kreta einlädt. Dort wollen die Frauen eine gemeinsame Woche verbringen, über ihre Vergangenheit reden und Geschehenes aufarbeiten. "Die Geschichte von Kat und Easy" spielt auf zwei Zeitebenen, springt immer wieder von der Gegenwart zurück ins Jahr 1973 und wird aus der Sicht von Kat erzählt. Das Buch hat mich erreicht, aber nicht durchgehend gefesselt. Zwischendurch gab es Abschnitte, die ich etwas langatmig fand.  Gestört hat mich außerdem de

Erstklassiger Regionalkrimi

Bild
Der Fallanalytiker Niklas Grimm wird nach einem vermasselten Einsatz strafversetzt. Statt in der Großstadt München muss er nun zukünftig in Lindau im Team von Emma Bosse ermitteln.  Der erste Fall lässt nicht lange auf sich warten, denn am Bodensee wird die Leiche von Nele Gruber gefunden. Die Ermordete war Anführerin der Tierschützer-Gruppe "freedog" und nicht unbedingt überall gern gesehen. Verdächtige gibt es somit genug. Und nachdem es nicht bei einer Leiche bleibt, ist das Team um Grimm und Bosse mehr als gefordert. Der Roman "Die Toten von Lindau" ist der erste Fall der Bodensee-Reihe von Thomas J. Fraunhoffer. Bekannt ist der Autor auch unter dem Pseudonym Franz Hafermeyer mit den "Schäfer und Dorn"-Schwabenkrimis. Entstanden ist ein kurzweiliger Krimi, der einen ab der ersten Seite fesselt und bis zum Schluss nicht mehr loslässt. Immer wieder kommt es zu Irrungen und Wendungen, sodass die Geschichte bis zur letzten Seite spannend bleibt. Alle

Herrlich skurril und makaber

Bild
  Björn Diemel hat gerade seinen 45. Geburtstag hinter sich gebracht und macht sich nun so seine Gedanken über das Leben und das, was noch kommen könnte. Sein Therapeut Joschka Breitner rät ihm zu einer Pilgerreise. Nach einigem Hin und Her macht sich Björn also auf den Jakobsweg. Sein Fußmarsch nach Santiago de Compostela verläuft allerdings nicht ohne Zwischenfälle, denn schon auf der zweiten Etappe gibt es einen Toten. Und dieser ist nicht zufällig an Herzversagen gestorben, sondern wurde erschossen. "Achtsam morden am Rande der Welt" ist der dritte Band um Björn Diemel und setzt die Bücher "Achtsam morden" und "Das Kind in mir will achtsam morden" fort. Man kann den Roman aber problemlos lesen, ohne die Vorgänger zu kennen. Mir hat dieses Buch großes Vergnügen bereitet. Mit schwarzem Humor erzählt Karsten Dusse wunderbar skurril und makaber vom Leben des Rechtsanwalts Björn Diemel, von dessen Beziehung zu seiner Ex-Frau Katharina und deren gemeins

Ein schöner Schmöker

Bild
  Fritz und Emma kennen sich schon seit ihrer Kindheit. Sie sind am selben Tag im selben Jahr in Oberkirchbach geboren. Irgendwann wurde aus ihnen ein Paar. Und als Fritz 1947 aus dem Krieg und der Gefangenschaft zurückkehrt, wollen sie heiraten. Doch dann geschieht etwas, das beider Leben verändert. Von einem Tag auf den anderen gehen sich Fritz und Emma aus dem Weg und reden kein Wort mehr miteinander. 2019 zieht Marie mit ihrem Mann Jakob nach Oberkirchbach, denn Jakob hat in dem verlassenen Dorf die Pfarrstelle bekommen. Nach und nach lernen die beiden die Dorfbewohner kennen - auch Fritz und Emma. Und als Marie erfährt, dass sich die 92-jährigen seit Jahrzehnten meiden und kein Wort mehr miteinander reden, beschließt sie zu handeln. Barbara Leciejewskis neuer Roman "Fritz und Emma" ist ein toller Schmöker. Ein regelrechter Pageturner, wie man so schön sagt. Die Geschichte springt in einzelnen Kapiteln zurück in die Vergangenheit und erhält dadurch Spannung. Sehr beweg

Auszeit an der Nordsee

Bild
  Toni reist durch die Welt auf der Suche nach Heimat, kann aber nirgendwo sesshaft werden. Als sie Teenager war, beschlossen ihre Eltern, Berlin zu verlassen und ein neues Leben auf dem Land zu beginnen. Richtig zu Hause hat Toni sich im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester Caro in St. Peter-Ording allerdings nicht wirklich gefühlt. Als sie einen Anruf, sozusagen einen Hilferuf, von ihrem Vater bekommt, beschließt sie, ihre Zelte auf Costa Rica abzubrechen und zurück an die Nordsee zu kommen. Was sie da am Ferienhof ihrer Familie erwartet ist alles andere als rosig, sondern eher chaotisch. Und dann holen Toni dort noch die Schatten der Vergangenheit ein, die es zu bekämpfen heißt. Meike Werkmeister hat mit "Der Wind singt unser Lied" einen tollen Wohlfühlroman geschrieben, der sich schön und leicht lesen lässt, ohne kitschig zu sein. Die einzelnen Charaktere sind sehr gut und treffend beschrieben. Man fühlt mit den Menschen in der Geschichte mit, weint und lacht mit ihn

Berührend und erschreckend zugleich

Bild
Klara ist eine KF, eine künstliche Freundin. Wir lernen sie in einem Geschäft kennen, wo sie sich mit anderen KFs befindet, die wie sie selbst darauf warten, von Jugendlichen als Alltagsgefährten ausgewählt zu werden. Die 13-jährige Josie entdeckt Klara im Schaufenster des Ladens und ist sofort begeistert von ihr. Das Mädchen kann ihre Mutter dazu bewegen, die KF zu kaufen. Somit beginnt für Klara ein neuer Abschnitt in ihrem Dasein. Sie wird nun mit Menschen leben, den Alltag einer Familie kennenlernen und die Aufgabe haben, sich um Josie zu kümmern. Sie wird aber auch lernen müssen, mit den Emotionen der Menschen umzugehen und erfahren, dass es zwei Schichten gibt. Da sind zum einen die Gehobenen, die genmanipuliert wurden, um im Leben erfolgreich zu sein. Und dann wird sie Rick treffen, den besten Freund von Josie. Er gehört zu den Ungehobenen, daher stehen ihm nicht alle Wege offen.  "Klara und die Sonne" ist eine beeindruckende und berührende, aber auch beängstigende Ges